Es war kein Tag wie jeder andere. Leichte Sturmböen zogen über den Platz, und es goss wie aus Kübeln. Aber: Wenn man für ein Turnier gemeldet hat, dann gilt es, dem Wetter zu trotzen. Vor allem dann, wenn es sich um ein Profiturnier handelt! Don Jaly stand am vierten Abschlag. Mitten im Abschwung traf ihn eine der verflixten Sturmböen. Der Ball flog deutlich nach links. Nichts Ungewöhnliches. Doch auf dieser Seite drohte ein künstlich angelegter, tiefer Wassergraben.
Der Ball bewegte sich unaufhaltsam in jene Richtung. Er tippte einmal am Fairway-Rand auf und sprang anschließend in den künstlichen Entwässerungsgraben. Mit ein bisschen Glück, so schoss es Don Jaly hoffnungsvoll durch den Kopf, liegt der Ball in der Mitte des Grabens – und er könnte ihn dort spielen. Minuten später stand er neben seinem Ball. Der lag mittig im Graben und wäre auch spielbar gewesen – läge er nicht direkt an einem dicken Stein.Jaly fluchte leise vor sich hin. Was für ein unglaubliches Pech!
Was tun? Guter Rat war teuer. Er überlegte. Da er den Ball nach Regel 28 im Wasserhindernis nicht für unspielbar erklären konnte, hätte er 70 Meter zurückgehen müssen, um nach Regel 26 den Ball beim Eintrittspunkt ins Wasserhindernis zu droppen. Er hatte sich gerade entschlossen, nach Regel 3-3 einen so genannten Regelball zu spielen. Einmal nach Regel 26 und einmal, indem er den Stein entfernen wollte, nach Regel 24-1, bewegliches Hemmnis.
In dem Augenblick sahen der Aktive und seine Mitspieler, ein Schwede und ein Deutscher, den Referee mit seinem Buggy hinter dem Grün stehen und machten ihn mit heftigem Winken auf sich aufmerksam. Es handelte sich um den Chief-Referee, einen Engländer, der mit seinem roten Kopf immer so aussieht, als käme er gerade aus der Sauna. Ein sehr erfahrener Mann, der die Tour schon zwölf Jahre begleitet. Der gewissenhafte Referee begutachtete die Situation und verschaffte sich durch ein kurzes „One moment, please!“ eine kurze Zeitspanne für seine Entscheidung. Er schlug zielsicher sein Decisionsbuch auf.
Er war sich bewusst, dass Don Jaly den Stein straflos entfernen durfte, der sichtlich aus der Mauer herausgebrochen war, die den Wassergraben begrenzte. Aber es war nun einmal seine Art, nicht nur die Entscheidung zu treffen, sondern diese auch explizit mit der passenden Regel oder einer Decision schwarz auf weiß zu belegen. Decision 24/6: Stein aus einer Staumauer im Wasserhindernis weggebrochen. Der Ball eines Spielers liegt spielbar in einem Wasserhindernis, jedoch direkt hinter einem Stein, der aus einer Staumauer herausgebrochen ist. Da diese Mauer im Wasserhindernis steht, darf der Spieler von diesem unbeweglichen Hemmnis straflose Erleichterung nicht in Anspruch nehmen. Ist aber der herausgebrochene Stein ein bewegliches Hemmnis, das der Spieler vor dem Schlag fortbewegen darf? Antwort: Ja!
Der überglückliche Don Jaly entfernte den Stein und schlug den Ball von dort aus tatsächlich aufs Grün. Wäre es ein beliebiger Stein gewesen, hätte er diesen selbstverständlich nicht entfernen dürfen. Definition: loser hinderlicher Naturstoff, Regel 23.
Jeder, der die Regeln kennt und sie akzeptiert, wird von ihnen eher einen Vorteil erhalten. Denn die Golfregeln sind nicht dafür da, den Spieler zu bestrafen, sondern ihn zu schützen. Frei nach dem Motto: „Play the ball as it lies. Play the course as you find it. And if you can‘t do either, do what is fair. But to do what is fair, you need to know the rules of Golf.“
Holger und Dr. Ulrike Gartz
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