Es war letzten Samstag, der erste Frühlingstag, an dem wir endlich ohne Schneesturm oder Regen Golf spielen konnten. Die Nachmittagssonne stand gegen 16 Uhr schon recht tief, so dass wir bei unseren Abschlägen auf den Löchern 16 und 17 erheblich geblendet wurden. Mein Mann und ich hatten deshalb vereinbart, dass der jeweils andere beobachten solle, wohin der abgeschlagene Ball fliegt, und noch während des Fluges rufen solle: „Ich sehe ihn!“. Wir sind beide Anfänger. Doch mein Mann spielt schon recht passabel – vor allem seine Abschläge, die er immer mit einem Eisen schlägt, sind erstaunlich gut. Erstaunlich deshalb, weil er die Bälle meist zu hoch aufteet – mit der Folge, dass sie in der Regel recht hoch und trotzdem weit fliegen. Ich stellte mich an Bahn 16 schräg hinter meinen Mann, um den Ballflug zu verfolgen. Wie bereits an den anderen Abschlägen stieg der Ball hoch in die Luft und flog und flog und flog – mit Bedauern stellte ich fest, dass er erneut viel zu hoch geflogen war und damit an Weite verloren hatte.
Noch während der Ball in der Luft unterwegs war, äußerte ich spontan: „Schade, schade, schade!“ „Wie? Was ist denn nun?“ fragte mein Mann. „Hast Du ihn gesehen?“ Ich entgegnete: „Na klar habe ich ihn gesehen. Der Ball ist gut geflogen.“ „Ist er denn nun aus? Oder liegt er im Rough oder auf dem Fairway?“ „Er liegt auf dem Fairway, direkt oben rechts auf Höhe des Bunkerrandes. Er ist wunderbar geflogen, aber leider zu hoch, so dass er an Weite verloren hat.“ Mein Mann reagierte unverständlich gereizt: „Wieso sagst Du dann schade, schade, schade? Wenn der Ball auf dem Fairway liegt, war er doch gut!“ „Warum regst Du Dich so auf? Ich habe nur schade, schade, schade gesagt. Das klang doch ganz erfreut. Ich habe es nicht bedauernd gesagt, eher euphorisch, weil ich mich über den schönen Ball gefreut habe.“ Daraufhin er: „Ach so, Du hast Dich darüber gefreut. Deswegen hast Du schade, schade, schade gesagt!“ „Ich weiß überhaupt nicht, warum Du Dich so aufregst. Du kannst Dich doch freuen, dass der Ball so gut gelandet ist. Du bist aber auch empfindlich. Ich werde nie wieder etwas sagen!“ „Du solltest mir sagen, wie der Ball fliegt. Ob Du ihn siehst, weil mich die Sonne so geblendet hat. Stattdessen sagst Du schade, schade, schade – und ich muss denken, der Ball ist im Aus oder im Rough…“ „Aber er ist doch nicht aus. Und darüber kannst Du Dich doch freuen! Also ich verstehe Dich nicht. Golfer sind wirklich sehr empfindlich.“
Wir gingen das Fairway hinunter und diskutierten darüber, ob meine Reaktion euphorisch geklungen habe oder ich hätte deutlich machen müssen, dass der Ball weder im Aus noch im Rough gelandet sei. Mit dem nächsten Fairwayschlag war ich dran. Ich nahm mein Holz 7 und hätte eigentlich nur noch ganz locker zur Fahne schlagen müssen. Doch: Nach der Diskussion war ich etwas verärgert und wohl auch unkonzentriert. Jedenfalls toppte ich den Ball, der höchstens acht Meter auf dem Rasen entlang hoppelte. „Ich sehe ihn“, triumphierte mein Mann. Ich sah ihn an und sagte: „Das war jetzt gemein.“ Daraufhin mussten wir beide herzlich lachen. Und wir beschlossen, dass wir künftig, abgesehen von den Worten „super“, „toller Abschlag“ oder „großartige Weite“ gegenseitig unsere Abschläge und Fairwayschläge nicht mehr kommentieren wollen.
Keine Frage: Golfer sind aber auch empfindlich!
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