Was Golfer bei der Sonderzuteilung kleiner weißer Spielgeräte erleben können…
Geben Sie es zu! Auch Sie entwickeln eine regelrecht persönliche Beziehung zu dem Ball, den Sie während Ihres Spiels erfolgreich von Loch zu Loch schlagen. Egal, ob ein eigener, gekaufter oder gefundener Ball – Sie sind jedes Mal hocherfreut, gerade diesen, Ihren Ball mit der besonderen Beschriftung nach einem gelungenen Abschlag oder Annäherungsschlag vor sich auf dem Fairway wiederzufinden. Meine Frau überraschte mich vor einigen Tagen mit dem Hinweis, sie habe beim letzten Spiel ihren, auf dem Fairway liegenden Ball, herzlich mit den Worten „Na, da bist du ja, du kleiner Mann!“ begrüßt. Und da sage mir noch mal jemand, Golf sei ein emotionsloses Spiel – wobei mir mancher Gesichtsausdruck des ein oder anderen Spielers, dem ich be-gegne, durchaus anderes vermittelt…
Ja, die Beziehung zu Bällen ist sehr differenziert. Der eine Spieler erklärt, ein Ballverlust sei ihm egal, er spiele ohnehin nur mit gefundenen, so genannten „Beutebällen“. Ein anderer begibt sich akribisch auf Ballsuche ins Rough, um wie ein Jagdhund mit der Nase knapp über dem Boden, im Zickzack den Ball zu erschnüffeln. Die hinter ihm wartenden Flights nimmt er schon gar nicht mehr wahr. Und die daraufhin ergehenden Ermahnungen seines Mitspielers, die Suche abzubrechen, werden mit zwei mürrischen Folgelöchern kommentiert. Keiner wird jedoch abstreiten, nicht jede Gelegenheit für einen günstigen Ballerwerb zu nutzen. Da kam das entsprechende Angebot von Aldi-Süd gerade recht: ein Karton mit – wie viele Bälle waren es noch? – für 9,95 Euro. Als ich kürzlich meinen Bruder besuchte, der im Einzugsgebiet von Aldi-Süd wohnt, fragte ich ihn natürlich, ob es gerade mal wieder eine Golfball-Sonderzuteilung gebe. Er bedauerte, mir mitteilen zu müssen, bei der laufenden Aktion keinen Karton mehr für mich ergattert zu haben. „Fahr‘ doch selbst noch mal vorbei“ empfahl er mir. Manchmal finde sich ein Restposten auf den Wühltischen unter Bügeln, BHs oder Kinder-Jogginghosen.
Als ich den Aldi-Laden schließlich betrat, war das Geschrei zweier Herren in der Tiefe des Geschäfts nicht zu überhören. „Nun geben Sie endlich den Karton her, ich habe ihn zuerst gesehen.“ „Jetzt lassen Sie endlich die Bälle los. Ich war zuerst am Regal,“ so ging es lautstark hin und her. Als ich neugierig um die Ecke bog, bot sich nicht nur mir ein alt vertrautes Bild vom Kampf um Sonderartikel. Bis zu einem heftigen Schlagabtausch fehlte nicht mehr viel. „Aber meine Herren“, trat ich mit beruhigender Stimme auf die beiden zu, „wer wird sich denn wegen eines Kartons Golfbälle schlagen wollen!“ Jetzt hatte ich ihre ganze Aufmerksamkeit. Behutsam nahm ich dem einen von beiden den Karton aus den willigen Händen und setzte sofort nach: „Im übrigen, diese Golfbälle gehören mir,“ schockierte ich das Duo, das mich ungläubig ansah.
Schon reichte ich ihnen einen gefalteten Briefbogen. „Ich habe die Bälle vorbestellt“, erklärte ich, „und das ist die Bestätigung.“ Völlig apathisch entfalteten sie das Schreiben und steckten ihre Köpfe zusammen, um den Text zu lesen. „Und was steht dort?“, fragte ich provozierend. Die beiden schauten sich verdutzt an. Und der eine las laut vor: „Sehr geehrter Herr Müller“, – bei der Anfertigung des Anschreibens hatte ich natürlich einen willkürlichen Namen gewählt. „Wir bestätigen Ihnen Ihre Vorbestellung für einen Karton Golfbälle. Sie können den Artikel jederzeit nach dem 18. Oktober in einer unserer Filialen von Aldi-Süd abholen. Die Vorbestellung berechtigt Sie zu einem bevorzugten Zugriff vor anderen Kunden.“ Unterschrift, wie immer unleserlich. „Ja, dann“, sagte einer der beiden Golfballaspiranten gedehnt, „hat das wohl seine Richtigkeit.“
Ich machte mich schleunigst auf den Weg zur Kasse. Über die Schulter rief ich den beiden noch zu, dass sie das „offizielle Anschreiben“ der Aldi-Zentrale behalten könnten. Ich hatte es – unter Nutzung eines Sonderartikel-Prospekts – auf einem Farbkopierer „zusammengebastelt“. Während ich in meinen Wagen einstieg, sah ich, wie die beiden das Schreiben mit der Dame an der Kasse diskutierten. Wutschnaubend und fäusteschwingend kamen sie kurz darauf auf den Parkplatz gelaufen, als ich gerade mit quietschenden Reifen auf die Hauptstraße einbog…
Christian Klug von Einem alias Bobby Driver
Diskussion
Keine Kommentare zu “Schließlich liebe ich meinen Golfball!”
Hinterlassen Sie einen Kommentar