Was einem so alles beim Probeschwung widerfahren kann…
Keine Frage. Unser Sport bietet reichlich Stoff für Betrachtungen der verschiedensten Art. Die Blickwinkel können höchst unterschiedlich sein – von gesundheitlichen über geschäftliche bis zu humorvollen Aspekten, um einige Beispiele zu nennen. Beginnend mit diesem Heft wird sich Christian Krug von Einem alias Bobby Driver fortan in jeder Ausgabe einem Thema rund um den Ball widmen. Zum Auftakt der Serie geht es um die Etikette. „Ist das hier Dein Ball, Karl-Heinz?“, tönt es lautstark vom benachbarten Fairway 13 herüber. „Wie sieht er denn aus?“, ruft der zurück. „Na ja, weiß eben – und rund!“ Ich versuche derweil, mich an Abschlag bei 14 auf meinen Probeschwung zu konzentrieren. „Du Dämlack. Was draufsteht, will ich wissen.“ „Kann ich nicht erkennen.“ „Dann guck’ doch nach!“ Ich glaub’ es nicht. Fast war ich so weit, mich an dem lautstarken Ballfindungsgespräch zu beteiligen. Doch mein Beitrag wäre nicht sehr höflich ausgefallen… Als ich dann endlich den Rückschwung einleite, vernehme ich hinter meinem Rücken ein schallendes „Titleist“.
„Wieso Titleist?“, denke ich noch, mein Ball ist doch von Callaway, als die Kugel auch schon mit einem untypischen Klong und affenartiger Geschwindigkeit nach rechts auf dem kürzesten Weg in das kleine Wäldchen rauscht.
Mein Flightpartner grinst hämisch über den total vergeigten Abschlag. Den würde ich nie wieder finden. Den Ball.
Kennen Sie diese lautstarken Verbalakrobaten auf dem Golfplatz? Vordringlich sind es Ehepaare im fortgeschrittenen Alter, Viererflights allzumal, die wortreich und zur Unterhaltung der Nachbarlöcher jeden Schlag, jede Lage des Balles laut und gestenreich kommentieren. Aber es geht noch besser: Neulich bereitete ich mich auf die Überquerung des Frontalgewässers an Loch 17 vor. Nach einem langen Abschlag und einem eben solchen Annäherungsschlag war ich dem ältlichen Paar auf dem Grün schon nahe gekommen – ebenso einem traumhaften Score. Ich wählte Eisen 10 und wartete, dass die holde Gattin auf dem Grün es ihrem Manne gleich tun würde, nämlich einzulochen. „Oh, schau mal Holger, war das nicht ein traumhafter Put?“, tönte es von unten herauf. Der Ball hatte sich auf knapp fünf Meter dem Loch genähert… Doch da griff Holger in seine Hosentaschen, um ihnen sein wild tönendes Handy zu entreißen.
„Holger, wie oft habe ich Dir gesagt, Du sollst beim Golfspiel nicht telefonieren?“, meldete sich die empörte Ehefrau – denn Holger hatte erstens weder hingeschaut und konzentrierte sich zweitens auf seine Sekretärin. An der Art, wie er sich auf seinen Schläger stützte, dessen Loft sich tief ins Grün bohrte, ließ sich erkennen, dass es länger dauern würde. Binnen weniger Minuten waren sämtliche Golfspieler im Umkreis von zwei Kilometern über Holgers missliche Personallage im Bilde. Lautstark und intensiv gestikulierend wies er seine Gesprächspartnerin in die Grundzüge ein, wie Büromaterialien zu nutzen seien… „Ja“, brüllte er nun bereits zum zwölften Mal in den schnurlosen Sprechapparat. „Sie sollen das Ganze oben links zusammenheften, aber nicht bevor sie alles gefaxt haben. Ja, verdammt noch mal, an den Mayer“ – womit alle freiwilligen und unfreiwilligen Zuhörer über Holgers Geschäftspartner im Bilde waren.
Irgendwie gelang es seiner Frau dann doch noch, ihren Göttergatten dazu zu motivieren, vom Grün zu gehen. Nicht ohne Grund: An Abschlag 18 hatte sie nämlich Freunde erspäht, denen sie ein lautes „Juhu“ zurief und ihnen zuwinkte, indem sie ihre Mütze mit den rosa Ohrenschützern heftig schwenkte…
Mein Ball landete. Prima, diesmal nicht im Wasser. Irgendwie war es mir gelungen, eine saubere Flugbahn auf das Grün zu zaubern. Von der Fahne allerdings keine Spur, die hatte Holgers Gattin in der Aufregung mit zu Abschlag 18 genommen. Als ob ich es geahnt hätte: Mein Ball war an dem Hügel, den Holgers Schläger aus dem Grün gegraben hatte, abgeprallt und an den entferntesten Punkt des Grüns gerollt. Passend dazu gingen die drei Putts am Loch vorbei – als trompetend der Ruf erschall: „Karl-Heinz, ich habe Deinen Titleist gefunden!“ „Titt-was?“, hallte es zurück.
Christian Krug von Einem
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